Beitragsreihe: Die Deutschordensschwestern zu Passau – Verkörperung gelebter Nächstenliebe: „Die D. O. Schwestern waren in Bayern noch fast unbekannt“ – Passau ab Mai 1946 (Teil 3)
Mit dem Ende des Krieges 1945 keimte Hoffnung auf ein Fortführen der Arbeit an den bisherigen Wirkungsstätten auf. Diejenigen Schwestern, welche in der Tschechoslowakei tätig waren, sahen sich jedoch erheblichen Repressalien ausgesetzt, die schließlich in deren Vertreibung mündeten. Sie wurden in den süddeutschen Raum und nach Österreich vertrieben. Das Bestehen der dortigen Schwesternprovinz galt als gesichert, die nach Süddeutschland Vertriebenen wurden durch den Bischof von Passau aufgenommen. Heute noch erhaltene schriftliche Aufzeichnungen einiger Betroffener vermitteln eindrücklich, unter welchen Umständen die Deutschordensschwestern ums Überleben kämpfen mussten.
„Aufzeichnungen aus den Tagen der Filialgründung in Indersbach“ verraten über die Anfänge Folgendes: „Am 3. Mai 1946 landete nach glücklich überstandenen Strapazen der dritte Transport der D. O. Schwestern in Passau. In dem Lager dortselbst herrschte durch den Zuzug der 37 Schwestern reges Leben. Es galt nun, die vielen arbeitslos gewordenen Schwestern aus der ČSR ihrem Berufe zuzuführen. Das war für [die] wohlerw[ürdige] Provinzoberin S. Amata Grüner eine schwere und verantwortungsvolle Aufgabe. Die D. O. Schwestern waren in Bayern noch fast unbekannt und daher allem Mißtrauen von Seite[n] amtlicher Persönlichkeiten ausgesetzt.“ Neben der Versorgung der in St. Nikola untergebrachten 4.000 Flüchtlinge, wurden die Dienste der Schwestern bald auch außerhalb der Stadt benötigt, sei es im Bereich der Krankenpflege, als Sakristanin oder Lehrerin.
Die Aufzeichnungen berichten des Weiteren darüber, unter welchen Umständen die Schwestern ihr Leben vor Ort organisieren mussten, wie „die öffentliche Wirksamkeit“ und damit auch die gesellschaftliche Akzeptanz begann. Schnell wird deutlich, mit welcher Energie und Leidenschaft am Wiederaufbau gearbeitet wurde, der nicht nur gesellschaftliche Aspekte betraf, sondern auch die neue Heimat der Schwestern, St. Nikola. Bereits 1953 war es möglich, den Nord- und Ostflügel des Gebäudes zu erwerben, 1960 erfolgte die erneute Weihe der restaurierten Kirche. Aus den Erinnerungen von Sr. Mirjam (Provinzoberin 1992-2013) erfahren wir, dass „Ende der 50er Jahre […] die Sanierungsphase [begann], in der wir Schwestern zu Bauarbeitern, Maurern und Malern wurden. Wir bauten die Wände in den Arkaden des Klostergartens ab, wir legten mit den eigenen Händen die Carlone-Stuckdecken in den Räumen der früheren Dechantei frei, die von Stuckateuren des Doms Ende des 16. Jahrhunderts in St. Nikola geschaffen wurden. Dann wurden Wasser- und Heizungsanlagen installiert.“ Noch im selben Jahr wurde die Fachakademie für Sozialpädagogik gegründet, zur Mitte der 1960er Jahre folgte ein Kindergarten. Mit dem Zuschlag für die Stadt Passau vor Ort eine Universität zu etablieren, wurde zwischen 1976 und 1978 der westliche Außentrakt des Klostergebäudes umgebaut, am 9. Oktober 1978 wurde die Universität feierlich eröffnet.
Sr. Mirjam ist eine „Zeitzeugin der ersten Stunde“, sie kennt alle Entwicklungsschritte der Deutschordensschwestern in Passau aus eigener Erfahrung. Sie selbst spricht voll Bewunderung von Sr. Amata Grüner, der ersten Provinzoberin der Ordensschwestern. Sr. Amata gehörte zu den letzten Aussiedlern aus Troppau (Oppava/Tschechien), die auf Geheiß der amerikanischen Militärbesatzung nach Passau kommen sollten, um dort mit den bereits anwesenden Schwestern das Flüchtlingslager in St. Nikola weiter zu betreiben. Zu jenem Zeitpunkt war Sr. Amata bereits interniert gewesen. Als sie schließlich nach Passau kam, übernahm sie umgehend als Provinzoberin die Führungsrolle und damit Verantwortung vor Ort. Nach Sr. Mirjam wurde von ihr „trotz desolater Finanzen für die Kultur des Hauses und damit auch für Passau Entscheidendes geleistet.“
Der letzte Post unserer Beitragsreihe wird nicht wie gewohnt am Donnerstag, sondern am 08.08. (Samstag) hochgeladen. Bleibt also auf den Abschluss dieser Textreihe gespannt!

Abb. 1: Kriegsschäden an St. Nikola (Passau)

Abb. 2: Die neue Heimat Bayern – Beispiel Rinchnach
Titelbild (Transkription): September 1960 – 5. Klasse Buben – Jahrgang 1953/54 – Unterricht noch im „Gelben Schulhaus“ (später Schwimmbadbau) | Umzug neue Schulhaus nach dessen Einweihung am 11. Oktober 1960.
Bilder & Text: K. Kemmer

